Großer Haufen, große Schaufel

Vor einigen Tagen habe ich eine Nachricht von einer sehr netten Leserin erhalten. Sie hat mir geschrieben, dass sie manchmal denkt, etwas läuft bei ihnen schief und sie fühlt sich auch teilweise demotiviert, weil sie nicht so hohe Tilgungsraten haben wie wir. Ihre Nachricht hat mich sehr nachdenklich gemacht. Zum einen etwas traurig, weil wir mit unserem Blog anderen Menschen aus dem Weg aus ihren Schulden helfen und motivieren möchten. Zum anderen, weil jede Reise in die Schuldenfreiheit einzigartig ist. Ich glaube, in Deutschland sind wir sogar ein absoluter Sonderfall, da wir in unsere Ausbildung investiert haben – und diese können wir leider nicht zurückgeben oder verkaufen wie ein Auto oder ein Haus.

Warum ihr nicht neidisch auf unsere Schaufel sein müsst

Ja, unsere Schaufel, wie Dave manchmal zur Tilgungsrate sagt, ist (in manchen Monaten) hoch. Manchmal sehr hoch, auch für uns. Unser Gehalt z. B. lag gar nicht so weit auseinander wie das von der oben genannten Leserin, ohne ins Detail zu gehen. Wir kamen 2012 zurück nach Deutschland. Mein Mann hat seitdem einmal die Firma gewechselt und jedes Jahr eine Gehaltserhöhung erhalten. Diese Erhöhung hat er hart erarbeitet. Wenn Not am Mann war saß er noch bis 2 Uhr morgens am Küchentisch und hat gearbeitet und ist um 5 Uhr wieder aufgestanden. Dazu liest er viel aus seinem Resort und geht regelmäßig auf Fortbildungen. Ich arbeite Teilzeit im öffentlichen Dienst.

Nebenjobs kann ich nicht ohne die Erlaubnis meines Arbeitgebers annehmen, daher nehme ich noch jeden “legalen” Job den ich ohne Probleme ausführen kann wie diesen und diesen. Wir beide bekommen Überstunden nicht ausbezahlt. Und wir sind auf uns alleine gestellt. Wir haben absolut keinen Rückhalt von unserer Familie. Ganz im Gegenteil, mein Vater hat Demenz und die Betreuungsaufgaben kosten mich manchmal den letzten Nerv. Die Krankheit schreitet voran und die emotionale Last ist kaum zu beschreiben.

Was ihr nicht seht

Ist der absolute Verzicht den wir jeden Tag einhergehen. Wir haben auch schwache Momente, wenn wir unser Budget einfach mal brechen, weil uns alles zum Himmel steht und wir mal raus müssen aus der kleinen Wohnung. Auch darüber haben wir schon geschrieben. Auf der Straße würdet ihr uns wahrscheinlich kein zweites Mal anschauen. Wir tragen Kleidung unter anderem von C & A und NKD – einfarbig ohne Aufdruck. Wir schauen ziemlich langweilig aus. Unsere Schuhe tragen wir bis diese Löcher haben und die Reparatur sich nicht mehr lohnt. Eine Bekannte meinte einmal, sie dachte wir wären arm, bis wir ins Gespräch kamen und sie erfuhr was wir beruflich machen. Man sieht nun mal auch, dass ich die Haare meines Mannes schneide, aber auch das wird nicht für immer so bleiben (hofft mein Mann zumindest).

Ein großer Verzicht für uns ist das Reisen. Es tut weh, die Urlaubsbilder unserer Familienmitglieder, Kollegen und Freunde zu sehen und wieder zu sagen, dieses Jahr fahren wir nicht weg. Mein Mann kommt auch nicht aus einer vermögenden Familie. Unsere Kinder haben ihre amerikanischen Großeltern bisher noch nicht getroffen (sie telefonieren jedoch regelmäßig miteinander). Wir arbeiten hart Jahr ein, jahraus und wollen auch einfach mal an einem anderen Ort abschalten und etwas Neues erleben. Wir würden das nicht tun, wenn wir nicht der festen Überzeugung wären unser Leben wird sich nachhaltig bessern ohne Schulden.

Unser Auto war fast 20 Jahre alt, als es im Frühjahr endgültig nicht mehr von uns repariert werden konnte. Unsere Bankberaterin meinte einmal wir haben ein überdurchschnittliches Nettoeinkommen – am Kindergarten hatten wir das grauslichste Auto von allen Eltern. Es war am Ende nicht nur uns peinlich, sondern auch unserer Tochter. Der Rost war deutlich sichtbar und ist abgeblättert. In der Tiefgarage auf der Arbeit ist mein Auto deutlich herausgestochen und das nicht im positiven Sinne. Dave sagt: You have to live like no one else to live like no one else. Und Gott, wir haben lange “außergewöhnlich” gelebt und ja wir haben es satt.

Auch wir fühlen uns zurück gelassen

Wenn Freunde und Kollegen Häuser kaufen, tut das weh. Wir empfinden keinen Neid und freuen uns für sie. Aber die Frage steht im Raum: Wann sind wir endlich dran? Wir leben auf 60 Quadratmeter zu viert und es macht keinen Spaß. Es ist eng und im Flur steht unser Kleiderschrank, weil im Elternschlafzimmer kein Platz für einen Schrank ist. Gerne würden wir unserer Tochter einen Schreibtisch kaufen, an dem sie basteln kann, aber wir haben keinen Platz. Alles ist eng und wird gefühlt jeden Tag enger.

Wenn wir Besucher bekommen, müssen diese in Schichten essen, da wir nur drei Essstühle haben (und einen Hochstuhl, den ich umsonst aus den örtlichen Kleinanzeigen habe). Gott sei Dank mögen sie uns und haben damit kein Problem. Trotzdem ist es uns peinlich so zu leben. Wir sind keine Studenten mehr, sondern erwachsene Menschen die gerne mit ihren Freunden an einem Tisch sitzen würden. Ein großer Esstisch mit passenden Stühlen steht ganz weit oben auf unserer Wunschliste für das kommende Jahr wenn wir endlich schuldenfrei sind (dieser wird natürlich bar gezahlt).

Auch wir hadern mit den Schaufeln anderer

Wir schauen oft die Dame Ramsey Show, um motiviert zu bleiben. Viele haben große Schuldenhaufen wie wir, aber bezahlen diese in weniger als 24 Monaten ab. Was machen wir falsch? Zum einen kann man die USA nicht mit Deutschland vergleichen. Wir zahlen hier eindeutig viel mehr Steuern. Zum anderen können wir nicht einfach einen zweiten oder dritten Job annehmen. Wie gesagt, unsere Arbeitgeber müssten dem zustimmen und wir haben keine Großeltern, die einmal die Kinderbetreuung übernehmen könnten. Da ist ein zweiter Job einfach keine Option für uns. Wir schaufeln jetzt schon fast 5 Jahre an diesem grausamen, großen Schuldenberg. Solange Schuldentilgungen habe ich bisher bei Dave nur gesehen, wenn Leute ihr Haus abgezahlt haben (und das ist Schritt 6 und gehört nicht in die Tilgung von Schritt 2 wo wir uns befinden).

Schulden sind nicht gleich Schulden

In Schritt 2 werden alle Schulden, außer die Hypothek, getilgt. Das sind Schulden wie wir sie haben aus Studienkrediten, aber auch Kreditkartenschulden oder Autokredite. Die oben genannte Leserin zahlt ihr Haus ab und ich habe ihr applaudiert. Auch wenn ihre Tilgungsrate nicht so hoch ist wie unsere, ist sie einen großen Schritt weiter als wir! Unser nächstes Ziel, nach Schritt 3, ist ein Hauskauf. Und der Kauf macht uns Angst. Die Preise in unserer Gemeinde sind explodiert. Haben wir unser Fenster verpasst? Einfamilienhäuser kosten in unserer Stadt mittlerweile über 1 Million Euro. Ein Reihenhaus, selbst wenn alt und unrenoviert, ab 800.000 Euro. Wie sollen wir das schultern? Auch für uns scheint das außer Reichweite zu sein. Die Mietpreise hier werden wir uns als Rentner nämlich auch nicht mehr leisten können, wenn wir nicht anderweitig vorsorgen. Auch wir haben Existenzängste. Unsere Töchter sind hier aufgewachsen uns selbst mit unseren Gehältern, werden wir hier nicht verweilen können. Es bricht mir das Herz, dass unsere Tochter die Umgebung die sie als Heimat wahrnimmt verlassen muss.

Auch unsere Schaufel war nicht immer so groß

Unsere Schaufel hat sehr klein angefangen – mit 50 bis 60 Euro pro Monat. Ich weiß noch als ich die erste Tilgung in Höhe von 500 Euro eingegeben habe und der Tilgungsbalken rechts hat es nicht einmal registriert. Für uns war und sind 500 Euro verdammt viel Geld. Und dann hat es augenscheinlich nicht einmal einen Unterschied gemacht. Das war beängstigend. Wenn ihr zurückblickt auf unsere Schuldentilgung durch die vergangenen Jahre, seht ihr das wir Monate hatten in welchen wir gar nicht getilgt haben. Alleine dieses Jahr haben wir zwei, drei Monate ohne Tilgung, da wir unerwartet uns ein neues, gebrauchtes Auto kaufen mussten. Die unzähligen Reparaturen über die Jahre kann ich schon gar nicht mehr zählen.

Schulden tilgen macht keinen Spaß

Wir machen das nun schon so lange, wir haben ehrlich gesagt auch keine Lust mehr. Ja, wir sind auf der Zielgeraden und die Motivation ist verschwunden. Wir sind müde, erschöpft und können nicht mehr. Schulden sind nicht nur in finanzieller Hinsicht ein Ballast, sondern auch emotional. Besonders am Anfang lag ich oft nachts wach vor Sorge wie wir so einen großen Haufen jemals abzahlen werden.

Würden wir es noch einmal so machen?

Ehrlich gesagt mit der Weisheit von heute: Nein. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal denselben Weg einschlagen würde. Vieles ändert sich über die Zeit. Wir haben nun zwei Kinder und wir haben auch überschätzt wie viel nach Steuern in Deutschland übrig bleiben würde, um unsere Schulden zu tilgen. Wir hätten nie gedacht, dass wir so lange benötigen um die Schulden zu tilgen.

Werden wir so sparen wie wir getilgt haben?

NEIN! Um Himmels willen. Es ist Zeit zu leben. Mal locker zu lassen. Nach Feierabend einfach mal spontan in den Biergarten zu gehen. Oder über das Wochenende wegfahren. Klar, es folgt Schritt 3 und wir müssen dringend umziehen. Auch wollen wir für ein Haus sparen. Aber nicht mehr in dem krassen Umfang, wie bisher. Werden wir das Geld heraushauen? Nein, natürlich nicht. Aber wir brauchen eine Verschnaufpause. Sich einfach mal einen Coffee-to-go gönnen, statt früh aufzustehen und den Kaffee selber zu brühen, bevor wir zu meiner Familie fahren.

Fazit

Ja, wir haben eine große Schaufel, aber wir haben unbestreitbar einen verdammt großen Misthaufen gebaut. Mit Zinsen werden wir am Ende fast 90.000 Euro abgezahlt haben. Und was haben wir? Ja, unsere Ausbildung. Was passiert jedoch, wenn die Wirtschaft in die nächste Rezession geht? So oft hätte ich mir gewünscht, dass unsere Schulden lieber ein Autokredit oder ein Haus wären. Ein Auto hätten wir verkaufen können und hätten wir ein Haus müssten wir nicht 1.000 Euro für Miete für 60 Quadratmeter zahlen. Amerikanische Studienkredite kann man übrigens auch nicht in einer Insolvenz loswerden. Sie verfolgen dich bis in den Tod. Und wenn man sie nicht bis zur Rente abgezahlt hat, wird sie von der Rente abgezogen. Wir sind nun gut fünf Jahre am schaufeln, und wir können es nicht abwarten frei zu sein. Keine Verbindlichkeiten mehr, außer die üblichen Rechnungen wie Strom und Telefon. Gehen zu können, wenn es nicht mehr passt. Entscheidungen nicht mehr nur aus finanziellen Nöten heraus zu treffen, den die Rechnungen müssen ja bezahlt werden. Dafür nehmen wir das lange verzichten auf uns auf.

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Bild: Canva

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