Armut ist hart. Ich weiß es, denn wir waren einmal arm. Wenn man uns jetzt ansieht, kann man es kaum glauben, aber wir waren auch einmal ganz unten: Wir haben in den USA unter der Armutsgrenze gelebt. Davon hatten wir drei Jahre nicht einmal eine Krankenversicherung. Wir hatten Jobs im Einzelhandel und unser Studium mit Studienkrediten finanziert. Wir haben von der Hand in den Mund gelebt und es gab Situationen, da wussten wir nicht, wie wir die nächste Miete zahlen werden. Armut ist nicht nur hart, sondern auch teuer.

Schneller im Dispo

Ärmere Menschen leben von der Hand in den Mund und haben oftmals nicht die Möglichkeit Geld zurückzulegen. Das heißt, sobald eine ungeplante Ausgabe wie zum Beispiel eine Autoreparatur oder ein gebrochener Zahn auf sie zu kommt, nutzen sie den Dispo oder eine Kreditkarte und das ist teuer. Wenn man am Ende des Monats kein Geld mehr für Lebensmittel hat, dann trägt man die Schulden in den nächsten Monat und die Gebühren und Zinsen häufen sich an. Der Teufelskreis beginnt und der Schuldenberg wächst. Die Tilgung stellt eine weitere Rechnung im monatlichen Budget dar, wenn das Budget sowieso auf den letzten Cent ausgereizt ist. Die Banken langen kräftig hin. Laut Finanztip nehmen Banken für den Dispo Zinsen zwischen vier und vierzehn Prozent.

Und es folgt die nächste Konsequenz: Eine schlechte Schufa

Können dann die Schulden nicht mehr oder auch nur vorübergehend bedient werden, wird die Schufa benachrichtigt. Als wir Nachmieter für unsere 60 m2 Wohnung gesucht haben, ratet, wer diese nicht bekommen hat? Genau. Die Bewerber mit einer schlechten Schufa. Eine alleinerziehende Mutter ist mir im Gedächtnis geblieben. Sie hat uns ihre schlechte Schufa gezeigt und erzählt, dass sie die Schulden bereits tilgt. Sie hat uns erzählt wie lange sie schon mit ihrer kleinen Tochter auf der Suche nach einer Wohnung ist und uns gebeten ein gutes Wort für sie einzulegen. Wir haben von einer großen Immobilienfirma gemietet und nein, sie hat die Wohnung nicht erhalten.

Besonders in Ballungsräumen, wo Vermieter reichlich Auswahl an Bewerbern haben, geht die Chance gen null mit einer schlechten Schufa eine Wohnung zu erhalten. Andere Auswahlkriterien sind unbefristete Arbeitsverträge, welche eher selten im Niedriglohnsektor sind. Dazu kam bei uns noch das Kriterium dazu mindestens den dreifachen Mietzins, als Nettohaushaltseinkommen vorzuweisen. Unsere 60 m2 Wohnung hat damals noch 1.000 Euro gekostet (mittlerweile 1.300 Euro). Das heißt ein Paar muss mittlerweile netto 3.900 Euro verdienen, um als Kandidat in Betracht gezogen zu werden. Alleinerziehend ist das fast nicht zu schaffen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Die guten Zinssätze sind nicht für arme Menschen verfügbar

Vor eins, zwei Jahren hat ein Kreditanbieter ständig Werbung auf den sozialen Medien mit Negativzinsen betrieben. Neugierig wie ich bin, habe ich die Kommentare gelesen. Uns siehe da: Du brauchst ein Spitzeneinkommen und eine gute Schufa um diesen Zinssatz zu bekommen. Jedoch benötigen Leute mit diesem Einkommen kaum einen Konsumkredit (oder hoffen wir das zumindest). Je höher das Ausfallrisiko, desto höher auch der angebotene Zinssatz.

Armut bedeutet: Kein Geld für eine Vorratshaltung

Wer uns folgt, weiß ich coupone und habe ein gutes Lager im Keller. Ich kaufe Drogerieartikel, wenn diese im Angebot sind. Geschirrspültabs habe ich auf Vorrat für ein gutes Jahr, ebenso Waschmittel. Shampoo und Duschgel reicht auch für mindestens sechs Monate. So spare ich nicht nur beim Einkaufen, sondern ich muss auch weniger oft ins Geschäft. Das spart Zeit, Sprit und Geld, da ich so Spontankäufe vermeide. Zwar habe ich das auch schon im kleinen Rahmen in unserer 60 m2 Wohnung betrieben, aber die Möglichkeiten sind jetzt im Haus besser. Wer einen Einblick in meine Einkäufe möchte, kann dies auf Instagram in den Stories sehen.

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Vorratshaltung: Geschirrspültabs

Wo wir nicht sparen sind gute und gesunde Lebensmittel, hier legen wir Wert auf Qualität. Wir kaufen Fleisch nur beim Metzger und unser Obst und Gemüse erhalten wir wöchentlich von der Ökokiste. Arme Menschen können sich das oft nicht leisten auf Vorrat zu kaufen, oder qualitativ hochwertiges Essen. Und nein, ich will die Lebensmittel vom Discountern nicht schlecht machen, aber der Unterschied ist existent. 10 Euro für ein Kilo Spargel ist einfach nicht drin für eine Familie die von Sozialhilfe lebt. Es gab auch Zeiten in unserem Leben, da war das nicht möglich (und ich bin immer noch jeden einzelnen Tag dankbar für unser jetziges Leben).

Vorratshaltung gibt auch Sicherheit in schlechten Zeiten. Als vor kurzem Frau Dr. Merkel den Vorschlag machte, Gründonnerstag die Läden zu schließen, kam der Aufschrei, dass Leute, die von Sozialhilfe leben, noch nicht ihr Geld für den April haben und so nicht für die Ostertage einkaufen könnten. Für den normalen Mittelstand wäre das kein Drama gewesen. Für jemanden der jeden Tag kämpft schon.

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Anlieferung unseres Gefrierschranks

Und von der Nahrung ein Sprung zur Gesundheit

Wir waren diese Woche beim Zahnarzt. Die Rechnung die nicht von der Krankenkasse übernommen wird (Zahnreinigung und die Erneuerung einer Füllung) beträgt 174 Euro. Die Zahnärztin hat eine Kunststofffüllung vorgeschlagen: Man sieht sie nicht und sie hat eine längere Haltbarkeit. Wer sitzt schon gerne beim Zahnarzt? Natürlich haben wir uns dafür entschieden. Mir ist auch bewusst, ich verringere meine Sparrate für den April (und das ist in Ordnung!). Für Leute mit einem geringen Einkommen wäre das unnötiger Luxus.

Im letzten Jahr waren wir bei der U-Untersuchung beim Kinderarzt. Der Kinderarzt wollte auch die Augen vermessen (entschuldigt die Unklarheit, es ist nun schon eine Weile her). Wir hätten einen Termin bei der Augenärztin ausmachen können (von der Krankenkasse bezahlt) oder die Untersuchung als Igel-Leistung abrechnen können. Die Kosten lägen bei 20 Euro. Natürlich habe ich die Igel-Leistung in Anspruch genommen: Keine Terminvereinbarung und eine immense Zeitersparnis (das letzte Mal saßen wir dort drei Stunden). Mein Mann hätte eher von der Arbeit nach Hause kommen müssen, da ich sonst die Kleine noch dabei gehabt hätte (bei der Wartezeit purer Stress). Die 20 Euro waren es mir sowas von wert! Für andere Familien wäre vielleicht nicht möglich gewesen.

Weitere Beispiele:

In den ersten Jahren in Deutschland mussten wir unseren Hausstand von null aufbauen. Wir haben von Verwandten zusammengeklaubt was ging und den Rest secondhand gekauft. Die ersten Monate hatten wir eine Stehlampe die wir abends vom Wohnzimmer zum Schlafzimmer mitgenommen haben. Als mein Mann im Oktober 2012 sein erstes Gehalt bekam, haben wir uns bei Ikea endlich eine Deckenlampe gegönnt. Ich lag tagelang abends stolz auf dem Sofa und habe sie angestarrt: Es ging aufwärts! Die Lampe hängt übrigens immer noch in unserem Wohnzimmer.

Aber die Lampe war nur das geringere Problem. Im Keller stand für die gesamte Wohneinheit eine Waschmaschine. Kosten pro Waschgang: 1,50 Euro. Und das musste auch noch in fünfzig Cent Stücken bezahlt werden. Das heißt vier Stockwerke nach unten gehen und hoffen, dass die Waschmaschine nicht belegt ist. Ein weiteres Problem: Die Waschmaschine war oft kaputt oder hat das Geld geschluckt ohne zu waschen. Wir haben Waschsalons gegoogelt und mein Mann ist mit dem Fahrrad nach Garching gefahren, um unsere Wäsche zu waschen. Leider war das nicht mehr aktuell und er hat einen Dönerladen vorgefunden. Wir haben also mehrere Monate unsere Kleidung in der Badewanne gewaschen. Das war anstrengend!

Unsere erste große Anschaffung war daher eine Waschmaschine (und wir haben auf eine Waschmaschine mit dem Energielabel A+++ geachtet, um unsere Energiekosten niedrig zu halten). Pi mal Daumen kann man sagen bei 30 Grad kostet ein Waschgang gut 60 Cent (Strom, Wasser, Waschmittel). Hat man eine Familie und wäscht täglich, hat man die Kosten für die Waschmaschine nach einem Jahr wettgemacht. Eine gebrauchte bekommt man in den Kleinanzeigen für rund 100 Euro. Die Kosten vorzuschießen, ist aber auch eine Herausforderung, wenn man in Armut lebt.

Was uns wirklich fehlt

Was in Deutschland wirklich fehlt, ist finanzielle Bildung in den Schulen. Wir haben in den Schulen zwar Hauswirtschaft, aber kein Fach erklärt den Schüler:innen ein Haushaltsbudget (wenn du Hilfe benötigst, schau hier), eine Steuererklärung und Altersvorsorge. Und bitte kommt mir nicht, mit das kann man selbst in der Bibliothek/Internet etc. nachforschen. Armut ist Stress pur. Wer den ganzen Tag bis zur Ermüdung arbeitet, hat dafür keinen Kopf mehr.

Wie würde unsere Welt aussehen, wenn jeder die FIRE (Financial Indpendence Retire Early)-Bewegung kennen würde? Was wenn wir noch nicht einmal so weit greifen, aber sagen wir, was ist, wenn jeder Rücklagen von sechs Monaten hätte und keinen Dispo mehr benötigt? Jobverlust? Kein Problem! Bis die Agentur für Arbeit den Antrag bearbeitet hat, müsste niemand fürchten die Miete nicht zahlen zu können.

Meine größte Angst: Armut im Alter

Am Mittwoch vor Ostern war ich noch mit meinen Töchtern tanken. Es war sommerlich warm und ein alter Mann ist an den Zapfsäulen mit seinem Fahrrad von Abfalleimer zu Abfalleimer gelaufen und hat nach Pfandflaschen gesucht. Ich kam gerade vom Wochenmarkt und hatte den Kofferraum voller Köstlichkeiten für die Feiertage. Ich habe ihm meinen letzten fünf Euro Schein in die Hand gedrückt. Wir sind nicht reich. Die meisten von euch die das lesen, haben wahrscheinlich mehr auf dem Konto als wir. Und trotzdem fühle ich mich privilegiert. Als ich im Auto saß habe ich gezittert. Armut im Alter ist meine größte Angst und einer der Gründe warum wir nach finanzieller Freiheit streben. Daher haben wir uns entschieden während wir unsere Rücklagen ausbauen, auch zu investieren. Aber dazu bald mehr.

Bild: Canva

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